39. Königsteiner Salon mit Mitri Sirin

Beim Königsteiner Salon am 25. September 2026 diskutierten ZDF-Moderator und Childaid-Botschafter Mitri Sirin, SPIEGEL-Korrespondent Serafin Reiber, Schulleiterin Carmen Bietz und Entwicklungsexperte Peter Dietzel darüber, wie Menschen in Deutschland, Indien und Nepal Meinungsfreiheit erleben und was Bildung damit zu tun hat.

Bild 1: Moderatorin Nicola Schaefer, Peter Dietzel, Carmen Bietz und Childaid Network Gründer Dr. Martin Kasper

Schule als Ort der Demokratie

Politische Bildung sei heute so wichtig wie nie, betonte Carmen Bietz im Gespräch mit Moderatorin Nicola Schaefer. Die Schulleiterin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, einer integrierten Gesamtschule und UNESCO-Projektschule, ist überzeugt: Nur wer Fakten von Fake News unterscheiden kann, kann sich ein eigenes Urteil bilden. Mindestens ebenso wichtig sei die Erfahrung „Mein Handeln bewirkt etwas“, und die entstehe nur, wenn Schule echte Verantwortung überträgt. An der Helene-Lange-Schule gehört es deshalb zum Alltag, zu diskutieren, verschiedene Standpunkte abzuwägen und für die eigenen Anliegen einzustehen. Damit daraus auch sichtbare Ergebnisse werden, unterstützt die Schule die Kinder und Jugendlichen ganz praktisch, etwa beim Antrag auf einen neuen Zebrastreifen oder neue Toiletten. Und wenn ein Vorhaben einmal scheitert? Dann dürften gerade die Erwachsenen nicht in Frust versinken, denn: „Wir brauchen Optimismus und Kraft, anders kann man Zukunft nicht gestalten.“

Mutige GenZ in Nepal

Peter Dietzel, Schreinermeister, ausgebildeter Konfliktberater und Gründer von Generation Nepal, lebte 40 Jahre in Bangladesch und engagiert sich seit über drei Jahren ehrenamtlich in Nepal. Er berichtete vom Mut junger Menschen in Nepal, die gegen Korruption, Vetternwirtschaft und fehlende Perspektiven auf die Straße gingen. Ein Graffiti eines weißen Turnschuhs mit Blutflecken, der einem von der Polizei erschossenen jungen Demonstranten gehörte, wurde zum Symbol einer ganzen Generation. Die Proteste mündeten in freie und faire Wahlen und ein neues Parlament. Nun stellten sich Fragen nach Regeln und Stabilität. Für Dietzel ist klar: „Nur die Demokratie ermöglicht Meinungsfreiheit!“ Und sie hat eine Voraussetzung: „Man muss auch zuhören können.“

Engere Meinungskorridore als globales Phänomen

Nach seiner Ankunt direkt aus dem ZDF Nachrichtenstudio stieg Mitri Sirin diekt in die Diskussion ein. Für seine ZDF-Dokumentation „Ist unsere Meinungsfreiheit in Gefahr?“ aus der Reihe „Am Puls“ reiste er 2025 durch Deutschland und die USA. Schockiert habe ihn eine Allensbach-Studie, nach der fast jeder zweite Deutsche seine Meinung aus Angst vor Nachteilen am Arbeitsplatz oder vor Shitstorms im Netz nicht mehr frei äußere. Dass der Meinungskorridor gefühlt enger werde, sei ein globales Phänomen. Ein Kernproblem sieht er schon vor jeder Debatte, im Streit um die Faktenbasis: „Man muss sich ja inzwischen erstmal auf eine gemeinsame Wirklichkeit einigen.“ Soziale Medien hätten das Gefühl politischer Abgehängtheit verstärkt, und: „Wer sich nicht gehört fühlt, hört irgendwann auch anderen nicht mehr zu.“

Protest in Indien

Serafin Reiber, SPIEGEL-Korrespondent in Delhi, berichtete von der „Cockroach Janta Party“, der Kakerlaken-Bewegung in Indien. Sie entstand als spontane Reaktion auf eine Äußerung des obersten Richters Indiens, der junge Arbeitslose mit Kakerlaken und Parasiten verglichen hatte. Nach Reibers Angaben finden 40 Prozent der 20- bis 25-Jährigen in Indien keinen Job, und nur wer zahlen kann, schafft einen Studienabschluss. Die Bewegung flutete das Internet, Millionen schlossen sich an, und schließlich trat der Bildungsminister zurück. „Wie gerecht ist die größte Demokratie der Welt?“ Diese Frage habe er sich als Journalist oft gestellt.

Freie Rede braucht Respekt

Am Ende waren sich Podium und Publikum einig: Freie Rede lebt von einem guten Miteinander. Es sei eine Frage des Umgangs, wie wir zusammenleben, einander zuhören und andere Meinungen respektieren, fasste Mitri Sirin zusammen. Dem Gegner mit Respekt zu begegnen, sei die Überlebensfrage der Demokratie, so Peter Dietzel. Serafin Reiber erinnerte leidenschaftlich an das „unfassbare Privileg“, dass hierzulande alle unabhängig vom Einkommen zur Schule gehen und Abitur machen können, eine Selbstverständlichkeit, die es in Indien nicht gebe. Carmen Bietz warb für Vertrauen in die Schule als Garant für die Zukunft unserer Gesellschaft.

Moderatorin Nicola Schaefer brachte es auf den Punkt: „Meinungsfreiheit braucht einen Rahmen: Empathie, Respekt, Zuhören, Werte, Miteinander, Klärung der Bedürfnisse.“ Und Mitri Sirin gab dem Publikum einen Tipp mit auf den Weg: „Reden Sie mal mit jemandem, den Sie wirklich nicht gut finden.“

Wir danken allen Mitwirkenden und Gästen für einen anregenden Abend und der Taunus Sparkasse für die freundliche Unterstützung dieser Veranstaltungsreihe.

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