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Presseinformation: Zum Tag des Kindes: Hessens Schüler fordern Verwirklichung der Kinderrechte

  • Bilder und eine Kurzübersicht des Kinderreschtstags
  • Weitere Informationen und Bildmaterial
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    Schülervertreter aus ganz Hessen kamen gestern auf Einladung des Kinderhilfswerkes Childaid Network in Frankfurt zum „Tag der Kinderrechte“ zusammen. Anlässlich des 25. Jubiläums der UN-Kinderrechtskonvention und dem heutigen „Internationalen Tag des Kindes“ beklagten die Schüler die dramatische Notlage vieler Kinder in der Welt und richteten mit der Schülerresolution „Kinderrechte endlich verwirklichen“ konkrete Wünsche an die Landesregierung. Gleichzeitig starteten sie eine landesweite Solidaritäts-Aktion, um den Kindern in Nepal, deren Leiden nach den Erdbeben weitgehend von der Weltöffentlichkeit verdrängt wird, konkrete Unterstützung anzubieten.

     

    Kinderrechte stehen oft nur auf dem Papier

    Die Kinderrechtskonvention mit starken und detaillierten Paragraphen ist fast überall auf der Welt seit 25 Jahre Gesetz. Aber immer noch werden mehr als 150 Millionen Kinder als Arbeitssklaven ausgebeutet. Weltweit können 250 Millionen Jugendliche nicht lesen und schreiben, weil sie nicht zur Schule gehen durften. Millionen Kinder sterben jährlich an vermeidbaren Krankheiten. Auch in unseren reichen Gesellschaften sind es vor allem die Kinder, die unter Armut, sexuellem Missbrauch oder Vernachlässigung leiden. In dieser schonungslosen Analyse waren sich die anwesenden Experten, Dr. Martin Kasper, ehrenamtlicher Vorstand von Childaid Network, Prof. Dr. Ursula Fasselt von der Frankfurt University, Ann Kathrin Linsenhoff, UNICEF Deutschland und Esther Rüden von der Kindernothilfe einig. Die Schülervertreter bekräftigten in ihrer Resolution, dass sie diese Situation nicht akzeptieren können.

     

    Resolution der Schüler fordert ernsthafte Anstrengungen

    „Für die Not der Kinder gibt es keine gute Entschuldigung: In unserer Welt gibt es genügend Ressourcen, um allen Kindern ihre Grundrechte zu gewähren“, stellen die Schüler in ihrem Papier fest. Und in einem Appell an die Landesregierung fordern sie einstimmig, die Verwirklichung der Kinderrechte stärker in den Fokus der Gesellschaft zu rücken.

    „In meiner Schullaufbahn wurde das Thema Kinderrechte zweimal kurz besprochen. Der Unterricht beschränkte sich auf die kurze Benennung der wichtigsten Rechte. Eine Analyse der Umsetzung oder gar eine Reflektion über unsere Partizipationsrechte fand nicht statt“, beschrieb Hibba Kauser, Vertreterin des Landes-Schülerrates, in einer aufrüttelnden Ansprache ihre Erfahrungen. Deswegen beginnen die Forderungen der Resolution mit dem Appell an die Landesregierung, das Thema Kinderrechte und Maßnahmen zum Schutz der Kinder in den schulischen Curricula aller Altersstufen verstärkt zu verankern.

    „Selbst Nepal hat in seiner Verfassung nun die Kinderrechte verankert“, erläutert die Juristin Prof. Dr. Fasselt, die gerade von einem Lehrsemester aus dem Projektgebiet von Childaid Network zurückgekehrt ist. Doch bei uns finden sich die Kinderrechte nicht im Grundgesetz. Die Zuständigkeiten sind zersplittert. Wie in Nordrhein-Westfalen umgesetzt wünschen sich die Schüler deswegen das Amt eines Kinderrechtsbeauftragten in Hessen, der jährlich auch einen umfassenden Bericht zur Situation der Einhaltung der Kinderrechte veröffentlicht und die Partizipation der jungen Leute sicherstellt. Gleichzeitig regen sie an, einen jährlichen Preis für die Person oder Organisation in Hessen zu schaffen, die sich am wirksamsten für die Verwirklichung der Kinderrechte einsetzt. „Das würde vermehrte Aufmerksamkeit für dieses wichtige Thema schaffen“, meinte Dr. Ute Nieschalk, ehrenamtlicher Vorstand von Childaid Network.

     

    Schüler werden selbst aktiv

    „Wir sind bereit, selber aktiv zu werden“, versprechen die Schüler in der Resolution, und das konnte man an diesem Tag spüren. Moderator Daniel Fischer, Hit Radio FFH und Botschafter von Childaid Network, hatte Mühe, die lebendigen Wortmeldungen und Diskussionsbeiträge zu koordinieren. „Ich war beeindruckt von der Qualität und dem Niveau des Engagements“, stellte Sandra Hörbelt, stellvertretend für die DZ BANK fest, die für die Veranstaltung Räumlichkeiten und Bewirtung gesponsert hatte. „Wir sind froh, dass in unserem Räumen solch eine Veranstaltung stattfindet.“

    Shary Reeves, Schirmfrau der Veranstaltung, appellierte an die Schüler. „Es kommt auf Euch an. Denn Ihr seid die Zukunft. Veränderung ist möglich.“ Aber eigentlich bedurfte es dieser Aufforderung nicht. Childaid Network hatte für den Tag die Kinderrechtsfibel „Dein Buch für Nepal“ im Pocket-Format aufgelegt. Diese enthält Auszüge aus der Kinderrechtskonvention, aber auch viele Statistiken zu der Lebenswirklichkeit von Kindern weltweit. Kreativ und selbständig erarbeiteten die anwesenden Schüler in Gruppenarbeit Konzepte, wie die Fibeln an ihren Schulen eingesetzt und so das Bewusstsein für die Kinderrechtssituation verbessert werden kann. Gleichzeitig sollen durch den Verkauf der Büchlein für jeweils 1 € genügend Einnahmen erzeugt werden, so dass die Ausstattung von Schulen für 6.000 Schüler in den erdbebenzerstörten Bergregionen Nepals mit Büchern, Klettergerüsten und Lehrmitteln finanziert werden kann. Eine Schülerdelegation wird im Herbst mit dem Fahrrad selber in die Berge radeln und symbolisch die Sammelergebnisse übergeben.

     

    Auftakt ins Jubiläumsjahr

    Der Tag der Kinderrechte ist Teil einer Reihe von Aktionen und Veranstaltungen von Childaid Network zu seinem Zehnjahresjubiläum. Unter dem Motto „Kindern Zukunft schenken“ setzt sich die Königsteiner Stiftung für den Zugang zu Bildung für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Mit mehr als 6,5 Mio. Euro Projektmitteln wurde seit Gründung das Leben von mehr als 110.000 jungen Menschen vor allem in Südasien nachhaltig verändert. In seinem Grußwort gratulierte Oberbürgermeister Peter Feldmann Childaid Network zum Jubiläum und dem höchst wirksamen Einsatz in den Projektgebieten. „Als Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt bin ich sehr stolz, dass mit der Stiftung Childaid Network und vielen weiteren Kooperationspartnern und Aktionen in Schulen, Kitas, Bibliotheken, Museen, der Internationale Tag des Kindes in Frankfurt in besonderer Weise aktiv gestaltet und gefeiert wird“, so Feldmann.

     

    2017

    27.04. Taunuszeitung - 10. Jubiläum: Interview mit Dr. Martin Kasper - Taunuszeitung, Apr.

    Christiane Paiement-Gensrich und Stefan Jung, Taunuszeitung

     

    Seit 2007 engagiert sich die Königsteiner Stiftung Childaid Network für benachteiligte Kinder in Südasien. 2011 wurde sie aus 1800 hessischen Stiftungen als Stiftung des Jahres ausgewählt. 2016 erhielt sie das DZI-Spendensiegel der besten Kategorie für sehr sparsames, transparentes und wirkungsvolles Management. Am 27. April feiert sie ihr zehnjähriges Bestehen. Wir haben mit Dr. Martin Kasper, der das Hilfswerk zusammen mit seiner Frau Dr. Brigitta Cladders, mit eigenem Kapital gegründet hat, gebeten, Bilanz zu ziehen. Das Gespräch führten die Redakteure Christiane Paiement-Gensrich und Stefan Jung.

     

    Sie haben für benachteiligte Kinder in Südasien viel erreicht. Was bedeuten für Sie zehn Jahre Childaid Network?
    DR. KASPER: Unsere Vision vor 10 Jahren war, möglichst vielen jungen Menschen, die nie zur Schule gehen durften, Zugang zu Grundbildung und beruflicher Bildung zu öffnen. Ich bin sehr froh, dass es uns gelungen ist, mehr als 110 000 Kindern und Jugendlichen durch Bildung in unseren Projektgebieten – und dadurch mehr als einer halben Million Familienangehörigen – zu einer Zukunftsperspektive zu verhelfen. Wir sind glücklich, dass so unsere Vision schrittweise Wirklichkeit wird.

     

    Wie haben Sie das geschafft?
    DR. KASPER: Der Dank gebührt unseren vielen Helfern und Partnern, die wir dazu motivieren konnten, mitzumachen. Hier in Deutschland engagieren sich unter anderem Schüler, Unruheständler und befreundete Organisationen ehrenamtlich für uns. Mehr als 250 Personen und Ansprechpartner stehen auf unserer Helferliste. Dazu gehören Menschen, die uns Türen öffnen und andere, die sich nur am Wochenende engagieren können. Aber das Kernteam umfasst etwa 30 Leute, die unser Wirken für den Bildungszugang für Kinder zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben. Zum Teil sind das fast Fulltime-Jobs. Mehr als 150 Personen haben sich in den letzten 10 Jahren auch in den Projektgebieten ehrenamtlich, aber tatkräftig eingebracht und lassen ihre Talente dort wirksam werden.

     

    In welchen Ländern sind Sie aktiv?
    DR. KASPER: Wir konzentrieren uns auf die ländlichen Regionen in Südasien in den Fußhügeln des Himalaya. Begonnen haben wir in der vergessenen Krisenregion Nordostindien. Allein dort fördern wir in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen Projekte an mehr als 400 Standorten. Bhandar in Nepal ist zu einer zweiten großen Projektsäule geworden, wir sind dort die einzige Hilfsorganisation in einem großen Bergdistrikt. Mit starken lokalen Partnern wirken wir in den benachbarten Regionen Nord-Bangladesch, Myanmar und Laos.

     

    Was sind das für Organisationen?
    Das sind derzeit 24 starke Partner, die bewiesen haben, dass sie solche Projekte korruptionsfrei und kompetent umsetzen können. Denn die Menschen an Ort und Stelle wissen am besten, wo der Schuh drückt und was gebraucht wird, um eine Veränderung zu bewirken. In Nordostindien sind das zum Beispiel die Entwicklungsbüros der Salesianer Don Boscos. Wir schließen dann Projektverträge ab, in denen detailliert Budgets und Ziele festgelegt sind. Und wir messen unsere Projekterfolge. Unsere 30.000 Schülern machen beispielsweise alle sechs Monate einen Lernerfolgstest.
    In Rajasthan arbeiten wir mit unseren Freunden von Barefoot College zusammen. Da geht es, besonders um die Förderung junger Frauen in Abendschulen und Berufsbildung.

     

    Wie wählen Sie die Projektgebiete aus?
    Wir gehen dorthin, wo die Not besonders groß ist und wo sonst keiner hinkommt. Das sind Gegenden, die wenig erschlossen sind, die nur über beschwerliche Wege zu erreichen sind oder die gefährlich sind. Viele unserer Schulstandorte, so auch in Nepal, sind nur zu Fuß zu erreichen. Dort, wo wir aktiv sind, sind wir die jeweils größte ausländische Organisation.

     

    Wie gehen Sie vor?
    DR. KASPER: Wir konzipieren und realisieren mit unseren Partnern Pilotprojekte. Wenn diese funktionieren, gehen wir damit in die Breite. Wir konzentrieren uns dabei auf eine Region, um dort nachhaltig etwas verändern zu können. Ein Beispiel sind unsere Abendschulen für 13 bis 20 Jahre alte Jugendliche. Sie lernen dort lesen, schreiben und rechnen. Für den Erfolg hat es nicht gereicht, Lehrkräfte für Erwachsenenbildung zu suchen und auszubilden, neue Curricula zu definieren und die Dorfräte zu mobilisieren#. Wir mussten uns auch um das Problem mit der Beleuchtung kümmern, denn es gab an den meisten Orten keinen Strom. Also brauchten wir Batterien mit Sonnenkollektoren.

     

    Wie hat sich das Projekt entwickelt?
    DR. KASPER: Angefangen haben wir mit sieben Pilotschulen, jetzt sind es 234 Abendschulen mit sieben Partnern. Aber die noch bessere Nachricht ist: In 180 Dörfern sind unsere Abendschulen nicht mehr nötig. Denn die jungen Leute dort können inzwischen nicht nur lesen, schreiben und rechnen. Sie haben mit den Dorfältesten Bildungs-Räte gegründet, die unter anderem verwaiste Dorfschulen wiederaufgebaut haben, die Regierung drängen, dass Lehrer kommen und diese kontrollieren und begleiten. So können jetzt die jüngeren Kinder regelmäßig unterrichtet werden. Zur Ausbildung an unseren Abendschulen gehört immer auch, dass die Jugendlichen ein Sozialprojekt übernehmen. Einige haben eine vom Unwetter zerstörte Brücke wiederaufgebaut, andere haben einer Witwe das Haus gestrichen, und alle helfen mit, im Dorf das Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung zu stärken.

     

    Warum gibt es in vielen Dörfern in Nordostindien keine funktionierenden Grundschulen?
    DR. KASPER: Die indische Regierung bekommt es nicht hin, in diese Region gute Lehrer zu schicken. Es ist auch schwierig, Lehrer zu finden. In Nordostindien werden 200 verschiedene Sprachen und 864 Dialekte gesprochen. Viele der Völker, die dort leben, haben keine Schriftsprache.

     

    Und in Nepal?
    DR. KASPER: Dort bauen wir gerade sechs Schulen, die vom Erdbeben zerstört worden sind, wieder auf. Ich hoffe, dass wir die Schulen vor der Regenzeit noch einweihen können. Von den Kindern dort gehen jetzt aber immerhin 85 bis 90 Prozent zur Schule. Das hat das Nepal-Projekt der Helene-Lange-Schule aus Wiesbaden „Kinder von Bhandar“ bewirkt, das seit 2008 mit Childaid Network gemeinsame Sache macht. Wir sind zusammengewachsen, weil wir uns mit ähnlichem Anspruch und ähnlichen Konzepten in benachbarten Regionen engagieren. Allerdings müssen wir dort die Qualität der Schulen noch verbessern. Denn von diesen Kindern erreicht keines die mittlere Reife. Wir pilotieren gerade mobile Lehrerteams, die mit einem Experimentierkasten unterwegs sind, um Lehrer fortzubilden und den Unterricht interessant zu gestalten. Außerdem erproben wir digitale Lehrerfortbildung, damit der Unterricht abwechslungsreicher wird. Beispielsweise bekommen die Lehrer jeden Tag ein neues Lied aufs Handy geschickt. Das können sie dann mit den Kindern einstudieren. Wenn die Methoden ausgereift sind, wollen wir diese Techniken überall in unseren Projekten einsetzen.

     

    Warum ist die Grundschulbildung so wichtig?
    DR. KASPER: Bildung ist die beste Investition in die Zukunft. Jedes Jahr Grundschulbildung einer Frau verlängert ihr Leben um zwei Jahre und verringert die Kindersterblichkeit ihrer Kinder um über 50 %. Unser Anspruch ist es, nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Wir wollen die Menschen dauerhaft dazu befähigen, in ihrer Region ihre Familien vernünftig zu ernähren.

     

    Welchen Schwerpunkt haben sie in diesem Jahr?
    DR. KASPER: Der Schwerpunkt unserer Arbeit verschiebt sich immer mehr in Richtung berufliche Qualifikation. Ich habe im März unser fünftes großes Berufsbildungszentrum in Assam eröffnet. Es liegt in Amguri, wo sich auch die Patenschule des Taunus Gymnasiums befindet. 600 bis 700 Lehrlinge werden dort jährlich zu Näherinnen, Schneiderinnen, Fahrern, Automechanikern und im Bereich Nahrungsmittel-Aufbereitung ausgebildet. Die Grundidee ist, unternehmerisch talentierte Leute auszubilden, damit sie ihre eigenen Meisterbetriebe gründen und dann selbst Arbeitsplätze schaffen.

     

    Wie viele Einheimische arbeiten hauptberuflich in Ihren Projekten?
    DR. KASPER: Indirekt haben wir rund 700 Lehrer und Sozialarbeiter in 400 Projekt-Schulen auf der Payroll, zusammen mit den Projektmanagern und Dorfräten sind das mehr als 1.000 engagierte Führungspersonen, die sich für die Menschen vor Ort engagieren – und gleichzeitig eine wichtige Einkommensquelle in den ländlichen Regionen.

     

    Das hört sich sehr erfolgreich an. Haben Sie trotzdem noch einen Traum?
    DR. KASPER: Mein Traum wäre es, dass wir uns überflüssig machen und dass weltweit alle Kinder eine qualifizierte Grundbildung bekommen. Damit sie sich eine gute Zukunftsperspektive für sich selbst und für ihre Familien erschließen können.

     

    Und bis dahin?
    DR. KASPER: So lange es nötig ist, werden wir uns weiter engagieren. Dabei werden wir weiterhin um eine sehr schlanke Kostenstruktur hier bemüht sein, damit die Spenden auch ankommen. Im Jahr 2016 hatten wir 2,5 Prozent Verwaltungskosten und 3 Prozent Kosten für Spender-Betreuung und Öffentlichkeitsarbeit. Fast 95 Prozent der Einnahmen gehen direkt in die Projekte.

     

    Wie hoch war das Spendenaufkommen im vorigen Jahr?
    DR. KASPER: 2016 hatten wir Einnahmen in Höhe von 1,723 Millionen Euro, davon waren gut 400 000 Euro öffentliche Zuschüsse, die unseren Einsatz in diesen investiven Projekten vervierfachen. In unserem zehnten Geschäftsjahr haben wir damit erneut sowohl bei den Projekten, als auch bei den Einnahmen ein zweistelliges Wachstum erreicht. Der Projektaufwand hat sich von 2011 bis 2016 fast verdreifacht.

     

    Haben Sie das Gefühl, dass Sie alles richtiggemacht haben?
    DR. KASPER: Ja, ich denke das meiste schon. Das sieht man daran, dass sich so viele Menschen bei uns engagiert haben, mit Arbeitskraft, Vertrauen und Geld. Im Januar erst habe ich zwei große Vermächtnisse zugesagt bekommen. Auch in den Projektgebieten konnten wir Teile der Zivilgesellschaft mobilisieren. Das sind Rotarier, Lions-Club-Mitglieder, Ärzte, Unternehmer und einheimische Hilfsorganisationen. Wir haben auf dem Vertrauen aufgebaut, das unsere einheimischen Partner bereits genossen haben und haben selbst eine Vertrauensbasis durch gute Arbeit, Transparenz und Wirksamkeit entwickelt. Mich freu besonders, die Erfolge vor Ort zu erleben: Gerade bin ich Schülern begegnet, die anfangs nicht einmal ihre Namen schreiben konnten. Nun brillieren sie auf der Bühne mit selbstgetexteten Liedern und Sketchen.

     

    Gibt es trotzdem auch Enttäuschungen? Und wie gehen Sie damit um?
    DR. KASPER: Jede meiner Reisen – gerade war ich zum 25. Mal in 10 Jahren vor Ort – ist eine Achterbahnfahrt. Es gibt bewegende positive Erfahrungen, aber auch immer wieder Enttäuschungen. Und es gibt Rückschläge wegen Naturkatastrophen wie in Nepal, Krankheiten oder wegen falschen Personals. Da braucht man im Team Kollegen, die einen auffangen und mit denen man gemeinsam überlegen kann, was man besser machen kann.

     

    Wie sehen die nächsten zehn Jahre Childaid aus?
    DR. KASPER: Die nächsten zehn Jahre bin ich gerne weiter mit dabei und aktiv. Ich bin aber froh, dass inzwischen die Arbeit auf viele Schultern verteilt ist. Solange ich gesund bin, möchte ich Childaid weiter begleiten und inspirieren. Aber vielleicht wird meine Rolle künftig eher vom operativen zu strategischem Input wechseln. Ich bin fest davon überzeugt, dass es unserer Generation gelingen kann, allen Jungen und allen Mädchen weltweit den Zugang zu qualifizierter Grundbildung zu ermöglichen.

     

     

    27.04. Königsteiner Woche - Childaid wird zehn Jahre alt: Wie alles begann

    Dr. Martin Kasper ist in seinem Leben viel herumgekommen. Er kann lange Abende fesselnd über Abenteuer, Begegnungen und Eindrücke von diesen Reisen abseits ausgetretener Pfade erzählen. Aber ein Erlebnis hat ihn mehr geprägt als alle anderen: Er war zu Fuß unterwegs in einer atemberaubend schönen Kulturlandschaft, bei Banaue auf der Insel Luzon, ausgezeichnet als Weltkulturerbe der UNESCO. Über Jahrtausende hatten Bauern dort mühevoll Terrassen in die mehrere tausend Meter hohen Hänge geschnitten. Nach heftigen Monsunregen klarte es auf und die Sonne spiegelte sich in den frisch bepflanzten und gefluteten Reisfeldern – ein wirklich paradiesischer Anblick.

     

    Nur eine Frau war im Dorf zurückgeblieben, weil sie hochschwanger den anderen nicht mehr auf den Feldern helfen konnte. Sie lud die Wanderer zum Tee – und bald kam man ganz persönlich über das Leben im Dorf und die Herausforderungen der Reisbauern ins Gespräch. Auf die Frage, wann ihr Baby denn auf die Welt kommen würde, antwortete sie: „Bald, aber es wird ja sowieso nicht überleben.“ Zu Beginn der Regenzeit waren die Erntevorräte erschöpft, die Menschen hatten nicht mehr genug zu essen. Dagegen vermehrten sich im schwülheißen Tropenklima Keime und Moskitos prächtig. Die Erfahrungen zeigten, dass in dieser Gegend alle in der Regenzeit geborenen Kinder in wenigen Wochen an Krankheiten wie Malaria oder Durchfall starben.

     

    „Dieser Satz der jungen Frau in Banaue hat mein Leben verändert,“ gesteht Dr. Kasper. „Ich konnte und kann nicht akzeptieren, dass an einem der schönsten Fleckchen Erde Kinder keine Überlebenschance haben, nur weil die Eltern sie vor Infektionen nicht schützen können. Wir haben uns damals geschworen, dass wir das uns Mögliche tun werden, um das zu ändern.“

     

    „Ich habe mich schon immer sozial engagiert,“ sagt Dr. Martin Kasper. Als Ältester von sechs Geschwistern hat er in der Familie früh Verantwortung übernehmen müssen. Während seiner Schulzeit am Max-von-Laue Gymnasium in Koblenz, wo er 1976 Abitur machte, engagierte er sich als Schulsprecher. Parallel zum Studium an der TH Karlsruhe, an der er 1980 sein Diplom als Wirtschaftsingenieur ablegte, gab er Gastarbeiterkindern kostenlos Nachhilfestunden. Zu seiner Zeit an der University of California in Berkeley (USA), wo er 1983 promovierte, fuhr er regelmäßig mit gleichgesinnten Kommilitonen von San Diego über die mexikanische Grenze nach Tijuana, um dort Kindern zu helfen, die in und von den Müllhalden ihr Leben fristeten. Auch später haben er und seine Frau einen großen Teil ihrer Freizeit und Ressourcen für bedürftige Kinder investiert.

     

    Doch nach außen hin prägte eine beeindruckende Karriere das Leben des jungen Ingenieurs. Schon mit 30 Jahren war er Geschäftsführer der Hako-Werke in Bad Oldesloe. Dann wechselte er in die Geschäftsleitung der Linde AG in Aschaffenburg und wurde 1996 Managing Partner bei Accenture in Kronberg, einem der weltweit führenden Managementberatungs-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleister. Der Börsengang von Accenture machte den Vater von drei Kindern finanziell unabhängig. Gemeinsam mit seiner Frau Dr. Brigitta Cladders beschloss er deswegen 2006, seinen Lebenstraum zu verwirklichen: Kindern eine Zukunft zu geben, die nur deswegen keine haben, weil sie am falschen Ort geboren wurden. Als 48-jähriger gab er seinen Job auf, um sich ohne Gehalt ganz dieser Aufgabe zu widmen.

     

    Das Ehepaar gründete mit eigenem Kapital die Stiftung Childaid Network mit dem Ziel, Bildung in abgelegene Regionen zu bringen. Mit Bildung kann der Teufelskreis der Armut durchbrochen werden. Untersuchungen der Vereinten Nationen zeigen, dass jedes zusätzliche Schuljahr das Leben einer Frau um zwei bis drei Jahre verlängert und die Kindersterblichkeit ihrer Nachkommen halbiert. Aber weltweit gehen immer noch mehr als 100 Millionen Kinder nicht zur Schule. Etwa 150 Millionen werden als Sklavenarbeiter ausgebeutet. Und mehr als 250 Millionen junge Menschen im schulpflichtigen Alter können nicht lesen und schreiben. Dennoch werden nur zwei bis drei Prozent der weltweiten Entwicklungshilfe in Grundbildung investiert. „Wir haben uns dem Ziel verschrieben, allen Kindern den Zugang zu Bildung zu vermitteln, so dass sie ein selbstbestimmtes Leben in Würde gestalten können. Natürlich schaffen wir das nicht alleine, aber in Netzwerken und mit Gleichgesinnten kann in unserer Generation diese Vision Wirklichkeit werden,“ betont Dr. Kasper.

     

    Die Stiftung begann mit ihren Projekten in Nordost-Indien. Dies ist eine der ärmsten Regionen der Welt – doch isoliert und vergessen. In dem landschaftlich reizvollen Gebiet am Fuß des Himalaya leben hunderte Ethnien mit eigener Kultur und Sprache in abgelegenen Dörfern. Ohne elektrischen Strom, ohne Straßenanbindung und ohne Trinkwasser ist ihr Überleben aber zunehmend gefährdet. 90 Prozent der Erwachsenen sind Analphabeten, denn es gibt dort selten Schulen und nur wenige Lehrer. Die Lebenserwartung ist gering und die Kindersterblichkeit erschreckend hoch: Vier von zehn Kindern in den Bergen sterben immer noch, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben. Deswegen migrieren viele Menschen in die großen Städte. Doch wer z.B. in die Millionenstadt Guwahati, die Hauptstadt von Assam, zieht, um dort sein Glück zu versuchen, endet oft in den Slums oder auf der Straße.

     

    „Die Situation in den Bergen von Nordostindien hat mich an die Situation in den Bergen von Banaue erinnert,“ berichtet Dr. Kasper. „Wir müssen das ändern, aber Almosen sind keine Lösung. Wir wollen die Menschen befähigen, ihr Schicksal selber zu verändern. Grundbildung und berufliche Qualifizierung sind dafür die besten Grundlagen. Sie verändern Strukturen nachhaltig,“ so fasst Dr. Kasper die Konzeption der Arbeit der Stiftung Childaid Network zusammen. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitet er eng mit starken Partnern und Organisationen vor Ort zusammen. Diese sorgen zum Beispiel dafür, dass im Dorf eine Hütte zur Verfügung gestellt wird, damit die Kinder unterrichtet werden können. Childaid Network finanziert die Ausbildung und die Gehälter der Lehrer, die dort Jugendlichen, die nie zur Schule gehen durften, nachträglich Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch Hygiene und erfolgreiche Methoden der Landwirtschaft vermitteln. Neben den Schulen für Minderheiten, Flüchtlinge, Straßenkinder und andere Randgruppen werden inzwischen auch viele Aktivitäten zur Berufsbildung gefördert. Junge Menschen erhalten die Gelegenheit im dualen System unterschiedliche Berufe zu erlernen, um Geld verdienen und später eine Familie ernähren zu können.

     

    Seit der Gründung 2007 förderte die Stiftung über 110.000 junge Menschen direkt – mit mehr als 6,5 Millionen Euro Projektmitteln – indirekt verbesserte sich damit die Lebenssituation von mehr als einer halben Million Menschen in entlegenen bitterarmen Gebieten Südasiens. Aktuell werden mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche in den Projekten der Stiftung in Nordostindien, Nepal, Bangladesch, Myanmar und Laos erreicht. Eine Erfolgsbilanz, die sich sehen lassen kann.

     

    Childaid Network wird am 27. April 2017 zehn Jahre alt. Für Dr. Kasper ist dies kein Grund, sich zur Ruhe zu setzen. Im Gegenteil: Er und sein großes, überwiegend ehrenamtliches Team sehen dies als Ansporn, mit viel Schwung im Netzwerk mit Gleichgesinnten weiter zu wirken. Sie wollen erleben, dass ihre Vision überall Wirklichkeit wird, und alle Kinder weltweit eine Chance auf eine gute Grundbildung erhalten. Für die nächsten Wochen und Monate sind viele Aktionen und Kampagnen vorgesehen, die das Netzwerk für bedürftige Kinder weiter ausweiten sollen. So referiert Frau Cornelia Richter, Stiftungsrat von Childaid Network und Vorstand der GIZ am 23. Mai um 19 Uhr im Haus der Begegnung zum Thema Herausforderungen in der Entwicklungszusammenarbeit. Für den 31. Mai ist in Frankfurt ein großer Aktionstag mit Schulsprechern zum Thema Kinderrechte geplant.